Zum Raum wird hier die Zeit

Dominik Susteck – Raumgestalten. Angela Metzger (Orgel)

„Ja, wenn wir den ganzen Zusammenhang der Dinge einsehen könnten”, wünschte sich Heinrich von Kleist dereinst. Ist es dies, was Dominik Susteck mit seinem neuen Orgelzyklus „Raumgestalten” in Klang und Raum umzusetzen vorhatte? Raum lässt sich – philosophisch – als eine Ordnungsform der Dinge verstehen. Wie ist es mit Tönen? Orgelmusik erklingt im Allgemeinen im sakralen Raum, da ist das, was man unter „Eingedenksein” und Seelenerlebnis versteht, involviert! Dann gibt es noch die verschiedenen Regeln des Tonsystems. Wer hier an Bernd Alois Zimmermanns Intervall und Zeit erinnert wird, liegt so falsch nicht. Dominik Sustecks Komposition eröffnet Erfahrungsräume, für den Hörer und auch für den Interpreten. Jeder der sechs Hörer und auch für den Interpreten. Jeder der sechs Teiel erfordert einen eigenen konzeptionellen klanglichen Zugang. „Schraffur – Mond – Geometrische Figuren – Apokalypse – Tropfen – Endzeit”, so lauten die Titel der einzelnen Stationen. Und diese sind durchaus doppeldeutig zu verstehen.

Schraffur” beruht auf einer rhythmischen Struktur, deren Tonvorrat vom einzelnen Ton bis hin zu Clusterballungen reicht. Geometrische Figuren” greift die Idee des ersten Satzes gewissermaßen wieder geordnet auf. Tropfen” lässt die Raumstruktur wieder zerfließen. Ähnlich beziehen sich Mond” und Apokalypse” aufeinander. Endzeit” bietet mit sienen langen Pausen und aleatorischen Elementen keine festen Bezugsgrößen, lässt den Zuhörer bei sich”. Kirchenmusik im besten Sinne! Das ist zutiefst romantisch und steht unserer durchrationalisierten und ökonomisierten Welt diametral entgegen, ganz im Sinne von Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, wenn die, so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen, …, dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.”

Raumgestalten ist ein spannendes Werk, auch, weil Susteck sich genau mit den Möglichkeiten der Maschine Orgel” auskennt und diese präzise einsetzt. Unter spieltechnischem Aspekt ist dieses Werk nicht allzu anspruchsvoll. Schwierig sind jedoch die recht komplexen Spielanweisungen in Klang umzusetzen. Angela Metzger ist eine versierte, exzellente Organistin, der eine überaus schlüssige und dichte Interpretation gelingt. Klang und Booklet sind ohne Tadel. Prädikat Referenzaufnahme!

Michael Pitz-Grewenig

 

Musik und Kirche 5/2020

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